Die Essenz des Lameco
Die Essenz des Lameco

Viele Menschen, die das Glück hatten, Punong Guro Edgar G. Sulite in Aktion zu erleben, sind sich darin einig, dass sein kämpferisches Können etwas Besonderes an sich hatte. Er war immer gerade da, wo er sein musste, und zwar nur so lange wie nötig - ansatzlos in und außerhalb der Distanz - je nach Notwendigkeit und Gelegenheit. Wenigen gelang es, das Rätsel seiner Bewegungen zu lösen, es sei denn, sie hatten die Gelegenheit, unter ihm zu trainieren, und nur dann konnten sie dieses Rätsel durch Training verstehen und verarbeiten. Im Grunde waren sich alle die ihn kannten darin einig, dass es weniger "das" war was Punong Guro Sulite tat, sondern eher "wie" er es tat, was ihn von allen anderen unterschied, die das gleiche technische Niveau erreicht hatten. Die Art, wie er sich im Kampf bewegte, definierte ihn als Krieger. Er verstand, dass ein wesentlicher Teil der kämpferischen Entwicklung auf unerbittlichem Üben beruhte. Stunden um Stunden aggressiver Schläge in Verbindung mit Schrittarbeit, immer mit Fokus auf voller Intention bei der Bewegung. Punong Guro Sulite beherrschte die Art, sich im Kampf zu bewegen, und dabei maximale Wirkung zu entfalten. Er war ein Meister seiner selbst, ein Meister der Situation, und ein Meister der Meister.

Er war immer der Meinung, dass die Art, in der man seine Schrittarbeit übte, der Weise entsprechen sollte, in der man sie eines Tages im Kampf einzusetzen zu erwartete. Sich in Reichweite zu bringen und aus der Reichweite wieder heraus - hart und schnell - und trotzdem bei jedem Schritt und jedem Übergang das harmonische Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, das war sein erklärtes Ziel. Punong Guro Sulite war so sehr davon überzeugt, dass er jeden Tag sehr früh aufstand und Schrittarbeit unter vollem Einsatz übte, wobei er sich immer dazu antrieb, sich so schnell und hart zu bewegen, wie er konnte, ohne die Kontrolle über seine kämpferischen Möglichkeiten (Schläge, Schnitte, Paraden, usw.) zu verlieren. Ebenso trainierte er jeden Abend vor dem Zubettgehen mit beinahe religiöser Inbrunst, und er erwartete nicht weniger von seinen Vertretern. Eine Sache, die ich an Punong Guro Sulite wirklich respektierte, war, dass er niemandes Fähigkeiten nur anhand seines Rufes beurteilte, sondern danach, wie er die betreffende Person sich im Kampf bewegen sah. Wurde er über eine gewisse, bekannte Person befragt, so kommentierte Punong Guro Sulite nicht das, was er gehört hatte, sondern vielmehr die Fähigkeit oder das Unvermögen dieser Person, sich zu bewegen. Entweder bemerkte er "Er bewegt sich gut." oder "Seine Bewegungen sind in Ordnung." und manchmal äußerte er "Seine Bewegungen müssten verbessert werden". Hatte er die Person niemals vorher getroffen, so beschränkte er sich darauf, dass "Er ihn niemals in Bewegung sah" und sagte wenig darüber hinaus. Ich schätzte das an ihm, da er nur davon sprach, was er wusste, anstatt zu wiederholen, was er über jemand aufgrund seines Rufes oder Informationen aus zweiter Hand gehört hatte. Er ließ wahrhaft seine Fähigkeiten für sich sprechen, anstatt über seine Fähigkeiten zu sprechen. Er sparte sich damit seine Worte für wichtigere, persönliche Angelegenheiten auf. Das Gleiche erwartete er von seinen Schülern und Vertretern.

Kurz gesagt, die Essenz des Lameco findet sich ausschließlich darin, wie man sich im Kampf bewegt. Lameco baut auf einem starken Fundament kämpferischer Attribute auf: Schnelligkeit, Timing, Kraft/Wucht, Position, Rhythmus, Reichweite, Recovery, usw. Ebenso zählen die speziellen Attributen, wie z.B. das Definieren der Gefechtslinie, Schlagen ohne verräterischem Ankündigen, Wahrnehmung und Reaktion, die Fähigkeit, sich anzupassen und auf den Gegner und die Situation einzustellen, Enganyo, Einkesseln, das testen der Zentrallinie des Gegners, Ökonomie der Bewegung, erhöhte Aufmerksamkeit, dem Erschaffen von Gelegenheiten, usw. All diese Fähigkeiten zusammen erlauben es uns als Kämpfer, im Ernstfall erfolgreich unsere Gegner zu bezwingen. Erst wenn ein stabiles Fundament errichtet und zur Perfektion verfeinert ist, kommen Techniken hinzu. Doch selbst eine sehr fortgeschrittene Technik des Lameco würde von vielen anderen Systemen als Grundtechnik eingestuft werden. Punong Guro Sulite interessierte sich nur für die Wirkung einer Technik im Kampf - im Gegensatz zu zahlreichen "toten" Technikserien, die nur bei einer Vorführung beeindrucken können, aber in einer wirklichen Auseinandersetzung nie auch nur die geringsten Erfolgschancen hätten. Er sagte immer, dass im Kampf 90% der angewandten Techniken Grundtechniken seien. Deshalb müssten wir die Grundlagen meistern und jede fortgeschrittene Technik sei ihrer Natur nach immer noch eine Grundtechnik, da dies ihre Wirkung im Kampf nicht schmälert. Er strebte nicht nach den Verzierungen, sondern nach dem Kern eines Systems; die funktionelle Seite war es wonach er immer suchte, und was er in seinem LAMECO umsetzte.

Punong Guro Sulite glaubte nicht daran, dass es "Garantien im Kampf" gibt - nur Gelegenheiten, und entweder nutzen wir sie in dem Moment, in dem sie sich uns bieten, oder wir lassen sie ungenutzt und riskieren es dafür die schlimmsten Konsequenzen zu tragen. Punong Guro Sulite war der Meinung, dass sich immer eine Gelegenheit ergab, sobald jemand einen Fehler machte. Seiner Ansicht nach bietet sich diese Gelegenheit beiden Beteiligten in gleichem Maße, derjenige, der sie erkennt und am schnellsten nutzt, wird den Vorteil erringen. Zögert man oder verschläft die Gelegenheit, so bietet sich vielleicht so schnell keine weitere mehr.

Die Art, wie man trainiert, spiegelt wider, wie man auf Aggression auf der Straße reagieren wird. Trainiert man kraftlos und eingeschränkt, so wird einem dies auch im Kampf nachhängen; merzt man diese Schwächen im Training aus, so werden sie verschwinden und im Ernstfall nicht ihr "hässliches Haupt" erheben. Die Essenz des Lameco besteht darin, sein Training so weit wie möglich der Sache anzunähern, für die man trainieret; nur wenn man mit dem Training so nahe wie möglich an die Realität herangehet, wird man eines Tages bestmöglich darauf vorbereitet sein, mit lebensbedrohenden Krisensituationen umzugehen.

Autor: Guro Dave Gould.